Gefährlich

Lärmschutz am Arbeitsplatz Schweiz: Grenzwerte, Pflichten, Praxis

· 8 Min Lesezeit

Schallpegelmessung in Schweizer Werkstatt mit Gehörschutz und Messmikrofon — Sinnbild Lärmschutz am Arbeitsplatz

Lärmschwerhörigkeit ist die am häufigsten anerkannte Berufskrankheit der Schweiz. Suva registriert jedes Jahr rund 1000 Neufälle, ein Drittel davon mit dauerhafter Beeinträchtigung. Trotz der Eindeutigkeit der Datenlage scheitern Schweizer KMU am Lärmschutz meist nicht am Bewusstsein, sondern an drei konkreten Lücken: keine Schallpegelmessung, keine Anbindung an den Suva-Vorsorgekreis, keine dokumentierte Massnahmenhierarchie. Wir zeigen, ab welchen dB(A) was zu tun ist, was eine Schweizer Audiometrie kostet und welche Maschinen die Grenzwerte typischerweise reissen.

Schnell-Antwort: Lärmschutz-Pflichten greifen in der Schweiz ab LEX,8h 85 dB(A) (Bereitstellung Gehörschutz) und 88 dB(A) (Tragepflicht). Massnahmenhierarchie zwingend: technisch vor organisatorisch vor PSA. Mitarbeitende ≥ 85 dB(A) sind dem Suva-Vorsorgekreis Lärm zu melden — periodische Audiometrie durch die Suva. Eine Werkstattmaschine wie eine Handkreissäge erreicht bereits 95-105 dB(A) und überschreitet den Grenzwert alleine.

In diesem Artikel

Rechtsgrundlage und Schwellen

Die Schweizer Lärmpflichten am Arbeitsplatz stehen in:

Drei dB(A)-Schwellen sind operativ relevant:

Schwelle (LEX,8h)Was wird ausgelöst
85 dB(A)Gehörschutz bereitstellen, Information und Instruktion, Eintritt in Suva-Vorsorgekreis Lärm
87 dB(A) (am Ohr unter Gehörschutz)Maximaltoleranz; Gehörschutz muss zwingend ausreichend dämmen
88 dB(A)Gehörschutz zwingend zu tragen, technisch-organisatorische Massnahmen verbindlich
Peak 137 dB(C)sofortige PSA-Pflicht, unabhängig vom Tagespegel

LEX,8h ist der A-bewertete Schalldruckpegel gemittelt über eine Arbeitsschicht von 8 Stunden — ein einzelner lauter Vorgang von 30 Minuten kann den Tagespegel über die Grenze ziehen.

Typische Schallpegel pro Maschine

Praxistauglich, weil die Frage «trifft mich das?» meist mit einem Blick in die Werkstatt zu beantworten ist:

Maschine / VorgangTypischer SchallpegelÜber Grenzwert nach
Bürogespräch, Tastatur50-60 dB(A)nie
Bohrmaschine Handgerät80-90 dB(A)ab 2-3 h kontinuierlich
Handkreissäge95-105 dB(A)< 1 h
Winkelschleifer95-100 dB(A)< 2 h
Hochdruckreiniger90-95 dB(A)1-2 h
Schlagbohrmaschine100-110 dB(A)< 30 min
Pressluftmeissel105-115 dB(A)wenige Minuten
Holzhobel / Holzfräse100-108 dB(A)< 1 h
Lkw-Motor in Garage90-95 dB(A)1-2 h
Schweisslichtbogen (Schutzgasschweissen)85-95 dB(A)2-4 h
Schmiede-/Stanzpresse95-110 dB(A)< 1 h

Der Tagespegel wird auf die acht Stunden hochgerechnet — eine kurze Spitze kann dominieren. Praktisch heisst das: bei klassischer Werkstattmischung (1 h Säge, 1 h Schleifer, Rest Montage und Pausen) liegt LEX,8h fast immer über 85 dB(A).

Die Massnahmenhierarchie — technisch vor PSA

Die ArGV 3 Art. 22 schreibt eine zwingende Reihenfolge vor. Wer mit Gehörschutz beginnt, ohne die technische Stufe geprüft zu haben, verletzt die Hierarchie — auch dann, wenn am Ende ein guter Gehörschutz getragen wird.

  1. Technische Massnahmen — leisere Maschinen (Lärmemissionsdatenblatt vor Beschaffung), Kapselung, Schwingungsdämpfung, Schallabsorber an Wänden und Decken, Trennwände.
  2. Organisatorische Massnahmen — Rotation der Mitarbeitenden, Verlegung lauter Tätigkeiten in lärmgeschützte Räume, getrennte Schichten, Pausenraum in Ruhebereich.
  3. Personenbezogene Massnahmen — Gehörschutz nach der Hierarchie ausgewählt: Kapsel, Bügel, Stöpsel, otoplastische Sonderformen.

In der Dokumentation muss jede Stufe geprüft und begründet werden — wer Stufe 3 anwendet, muss schriftlich erklären, warum Stufen 1 und 2 nicht oder nicht ausreichend möglich waren. Suva-Inspektoren prüfen diese Begründung mit Vorrang.

Suva-Vorsorgekreis und Audiometrie

Sobald LEX,8h ≥ 85 dB(A) erreicht wird, sind die betroffenen Mitarbeitenden dem Suva-Vorsorgekreis Lärm zu melden. Der Vorsorgekreis ist eine Suva-eigene Plattform zur arbeitsmedizinischen Vorsorge bei Berufskrankheit-Risiken.

Kosten: Audiometrien im Vorsorgekreis trägt die Suva. Freiwillige Zusatzuntersuchungen (z. B. für nicht-suva-versicherte Mitarbeitende oder Eintritts-Audiometrien ausserhalb der Suva-Periodik) kosten je nach Anbieter CHF 120-250 pro Person — günstig im Vergleich zur potenziellen Berufskrankheits-Rente.

Gehörschutz-Auswahl und Tragepflicht

Gehörschutz ist Kategorie-II-PSA (siehe PSA-Pflicht für Schweizer Arbeitgeber). Auswahl und Pflege sind beim Arbeitgeber.

Mitarbeitende sind vor erstmaliger Nutzung zu instruieren — Sitzkontrolle, Pflege, Aussonderung. Die Instruktion wird mit Unterschrift dokumentiert.

Dokumentation, die bei der Kontrolle hält

Bei einer Suva- oder Inspektoratskontrolle ist die Reihenfolge der vorgelegten Unterlagen entscheidend:

  1. Lärmbeurteilung mit Schallpegel-Messung oder belastbarer Pegel-Schätzung pro Arbeitsplatz/Tätigkeit
  2. Massnahmenkatalog mit Begründung für jede Hierarchiestufe — was wurde geprüft, was umgesetzt, was nicht
  3. Liste der Vorsorgekreis-Meldungen mit Datum
  4. Instruktionsnachweise mit Mitarbeiterunterschriften
  5. PSA-Inventar mit SNR-Werten und Aussonderungsdaten
  6. Revisionsdatum der gesamten Beurteilung (idealerweise nicht älter als drei Jahre)

Wer Punkt 1 und 3 nicht sofort vorlegen kann, geht aus dem Termin meist mit einer Frist und einer Aktennotiz. Die anderen vier Punkte sind handhabbar, wenn der Aufbau einmal stand.

Häufige Fragen

Ab welcher Lautstärke ist Gehörschutz am Arbeitsplatz Pflicht?

Pflicht zur Bereitstellung von Gehörschutz besteht in der Schweiz ab einem Tages-Lärmexpositionspegel LEX,8h von 85 dB(A) oder bei Spitzenschalldruckpegel ab 137 dB(C). Ab 88 dB(A) ist das Tragen zwingend, der Arbeitgeber muss die Einhaltung durchsetzen. Diese Schwelle entspricht der Suva-Vorsorgekreis-Grenze.

Wie oft muss eine Lärmmessung am Arbeitsplatz gemacht werden?

Eine Lärmbeurteilung ist Teil der Risikobeurteilung und Pflicht bei jeder relevanten Änderung — neue Maschine, neuer Produktionsablauf, geänderte Raumgeometrie. Konkrete Schallpegelmessungen empfehlen sich alle 3-5 Jahre, in Hochlärmbereichen jährlich. Bei begründetem Verdacht oder nach Beschwerden ist eine Messung zwingend.

Wer zahlt die Audiometrie bei der Suva?

Die Vorsorgeuntersuchung im Suva-Vorsorgekreis Lärm wird durch die Suva selbst koordiniert und übernommen — der Arbeitgeber meldet die exponierten Mitarbeitenden, Suva führt die periodischen Audiometrien durch. Für freiwillige Zusatzuntersuchungen oder Mitarbeitende ausserhalb des Vorsorgekreises trägt der Arbeitgeber die Kosten — typischerweise CHF 120-250 pro Audiometrie.

Welche dB-Werte sind in einer Werkstatt normal?

Typische Werkstatt-Schallpegel: Handkreissäge 95-105 dB(A), Winkelschleifer 95-100 dB(A), Hochdruckreiniger 90-95 dB(A), Schlagbohrmaschine 100-110 dB(A), Pressluftmeissel 105-115 dB(A). Schon eine einzige laufende Säge überschreitet den 85-dB(A)-Tagesgrenzwert; die kumulierte Exposition über 8 Stunden ist entscheidend, nicht der Spitzenwert.

Was sind die Pflichten des Arbeitgebers bei Lärm?

Erstens Beurteilung der Exposition (ArGV 3 Art. 22). Zweitens Massnahmenhierarchie: technisch (leisere Maschinen, Kapselung), organisatorisch (Rotation, Pausen), personenbezogen (Gehörschutz). Drittens Information und Instruktion. Viertens Audiometrie über Suva-Vorsorgekreis. Fünftens Dokumentation der Beurteilung, Massnahmen und Schulungen — der Suva-Inspektor sieht zuerst das Protokoll, dann die Werkstatt.

Was ist die Suva-Vorsorgekreis-Pflicht?

Suva führt einen «Vorsorgekreis Lärm»: alle Mitarbeitenden mit LEX,8h ≥ 85 dB(A) werden vom Arbeitgeber gemeldet. Die Suva führt dann periodische audiometrische Untersuchungen (typisch alle 3 Jahre, in Hochrisikogruppen jährlich) und dokumentiert Hörverlust-Verläufe. Die Meldung ist Arbeitgeberpflicht — eine Unterlassung kann bei Berufskrankheit-Anerkennung als Pflichtverletzung gewertet werden.

Quellen

Wer den Lärmschutz aufbaut, sollte ihn als Teil der gesamten Risikobeurteilung führen und im Gefahrstoffverzeichnis bei lärmintensiven Tätigkeiten Querverweise zur PSA-Auswahl setzen.